Wir, die Klasse 8d, surften weiter auf unseren Bodyboardern in ein neues, unbekanntes Land. Von oben sahen wir große Wälder, hohe Berge und viele Täler. Wir landeten in einer kleinen Stadt. In der Ferne sahen wir hölzerne Bauwerke, wie Türme. Wir befanden uns auf einem Marktplatz neben einem Brunnen. Viele Menschen liefen beschäftigt zwischen Buden hin und her. Uns fiel auf, dass das Volk sehr altertümlich gekleidet war. Vor uns stand ein dunkel gekleideter Mann mit einem langen Bart und einem Hut. Sara fragte den fremden Mann : "Wo sind wir denn hier?" Der Mann antwortete: "Ja, wisst ihr denn das nicht? Wir sind hier in einer der bedeutendsten Städte Deutschlands. In der sächsischen Silberbergbaustadt Annaberg, habt ihr denn die hölzernen Fördertürme nicht gesehen? Wer seid ihr denn, wo kommt ihr her?" - "Wir sind Schülerinnen und Schüler der Klasse 8d der LFS-Köln, wir sind gerade auf Klassenfahrt. Und wer sind Sie?" - "Ich bin Adam Ries, ihr habt bestimmt schon von mir gehört." Thomas fragte neugierig: "Was machen Sie denn hier?" Adam  Ries: "Ich bin der Rechenmeister von Annaberg. Zahlreiche Bücher schrieb ich zur Bildung der Menschheit. Von Bayern kam ich über Erfurt hierher nach Annaberg, wo mich jeder kennt. In Erfurt gründete ich meine erste Rechenschule und veröffentlichte 1518 mein erstes Buch  'Rechnung auff der linihen'. Darin habe ich das Rechnen auf dem Abakus behandelt. Vier Jahre später habe ich mein zweites Rechenbuch 'Rechenung auff der linihen und federn' veröffentlicht. Darin habe ich außer dem Rechnen auf dem Abakus vor allem das schriftliche Rechnen mit den indisch-arabischen Ziffern behandelt. Denn diese neuen Ziffern lösen nun allmählich die römischen Zahlzeichen ab." Während Adam Ries erzählte, wurde uns langsam klar, dass wir uns in einer Welt von vor fast 500 Jahren befanden. Neugierig baten wir Adam Ries, weiter zu erzählen. "Mir geht es darum, allen Leuten die Rechenkunst verständlich zu machen. Dazu benutze ich viele Beispiele aus dem täglichen Leben und behandle die Grundrechenarten, den Dreisatz, das kaufmännische Rechnen, die Umrechnung verschiedener Münz- und Maßeinheiten usw." - "Können Sie uns mal einige Beispiele aus Ihren Rechenbüchern zeigen?" fragte Florian interessiert.

Der Rechenmeister: "Gerne! Also mal schauen, ob ihr folgende Aufgabe lösen könnt:

Ein Centner Wachs / so da hat 100 pfunt / kost 15 Gulden 1Ort / wie komet 1 pfunt / so man 10 Gulden am 100 gewinnen wil? "

Theresa fragte: "Was ist denn ein Ort?".  Herr Ries antwortete: "Dann will ich euch erst mal unsere Münzen erklären:

1 Gulden = 4 Ort
1 Ort = 5 Schilling
1 Schilling = 12 Heller
Wir hatten Mühe, die Aufgabe zu verstehen und haben sie uns erst einmal umformuliert:

Wenn 100 Pfund Wachs 15 Gulden 1 Ort kosten, wie teuer ist dann ein Pfund, wenn man 10 % Rabatt bekommt?

Wir wollten uns nicht blamieren. Philipp: "Das haben wir doch in der Klasse 7 gelernt, als wir den Dreisatz durchgenommen haben und die Prozentrechnung gelernt haben. Und so sieht die Lösung aus:

Also muss man Heller bezahlen!
"Das habt ihr gut gemacht!" lobte uns der Rechenmeister.

Kathrin: "Aber viel schwieriger finde ich Zinsrechnung." Adam Ries: "Aber eigentlich müsst ihr doch Zinsrechnung können, dass gehört zum Bürgerlichen und Kaufmännischen Rechnen, außerdem lernt ihr das doch im Schulunterricht. Dennoch erkläre ich es euch gerne. Zins kommt vom lateinischen 'census', das bedeutet Abgabe.  Zinsrechnung ist die Berechnung des Zinses: die Höhe der Zinsen richtet sich nach dem Hauptgut ( Kapital ), dem Zinsfuß und der Zeitdauer. Versucht es mal mit dieser Aufgabe:

12 Gulden gewinnen in 3 Jahren 7 Gulden. In wie viel Jahren werden 20 Gulden 12 Gulden gewinnen?"

Diese Aufgabe lösten wir mit Hilfe eines zusammengesetzten Dreisatzes; dabei mussten wir bedenken, dass wir es sowohl mit proportionalen als auch mit einer antiproportionalen Zuordnung (je kleiner das Kapital, desto länger die Laufzeit, um dieselben Zinsen zu erhalten) zu tun hatten:

Kapital (Gulden) Zinsen (Gulden) Laufzeit (Jahre)
12 7
1 7
1 1
1 12
20 12

Sebastian rief: "Nach Adam Riese bringen also 20 Gulden in ungefähr 3 Jahren 12 Gulden Zinsen!" Der Rechenmeister: "Warum sagst du denn 'Nach Adam Riese'?" Anton: "Das ist eine Redewendung, die in unserer Zeit benutzt wird, wenn jemand etwas richtig gerechnet hat." Adam Ries: "Welch eine Ehre, dann kennt ihr mich ja doch." Adam Ries war beeindruckt von unseren Rechenfähigkeiten!

   
Wir unterhielten uns noch eine Weile mit Adam Ries. Dabei erfuhren wir, dass er für die Städte Annaberg und Marienberg unter anderem die Abrechnungen der erzfördernden Zechen prüfte, an der Regelung des Münzprägwesens mitwirkte und an der Leipziger und Zwickauer Brotordnung arbeitete, die gerechte Brotpreise festsetzte.

Dann verabschiedete er sich: "Es wird Zeit für mich zu gehen. Falls ihr noch Fragen habt, besucht mich in meinem Haus in der Johannisgasse. Bei meiner Familie und mir seid ihr immer herzlich willkommen!"

Wir waren sehr beeindruckt von dem, was wir gerade erlebt hatten. Wir hatten einen Rechenmeister und volkstümlichen Mathematiklehrer kennen gelernt, der zwar weder das schriftliche Rechnen noch das Einmaleins 'erfunden' hat, der aber die Rechenkunst so aufbereitet hat, dass sie von jedermann verstanden und angewendet werden konnte, und dem es ein Anliegen war, die Rechenkünste möglichst vielen Menschen nahe zu bringen!

 

Luise & Sara

© 2001 LFS-Köln